Die Geschichte des Osterbergkreuzes

Schon bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten hatten diese den weitbekannten Osterräderlauf zu Lügde als germanisches, unverfälschtes Brauchtum für sich reklamiert, und ihn zu einer nationalen Lichtfeier umgestaltet.
Mit krassen Neuheidentum waren Einheimische und Besucher konfrontiert worden, denn die neuen Machthaber ließen früh erkennen, dass ihnen bei der Neugestaltung Deutschlands, Kreuz und Christen im Wege waren.
Der Tradition entsprechend wurde am Ostertag von den Dechen an der Ablaufstelle ein 6 Meter hohes Holzkreuz errichtet, zum Ärger der Nationalsozialisten.
Ohne sich wehren zu können, mussten die Lügder Bürger hinnehmen, wie die Partei aus dem christlichen Osterfest und aus dem uralten Brauchtum eine germanische Lichtfeier gemacht hatten.
Nun beschlossen Lügder Bürger ein Zeichen zu setzen. Johannes Blome erhielt im Frühjahr 1935 die Genehmigung auf seinem Grundstück, auf dem Osterberg, ein Kreuz zu errichten. Das war nicht schwer, denn die Verwaltung der Stadt Lügde stand auf der Seite der Bevölkerung. Gleichgesinnte, hier stellvertretend nur einige Namen:
August Rüsenberg, Franz Kleine, Otto Krüger, Jos. Tintelott, Johann Deppe (Organist), Fritz Wegener, Franz Vogel (Pfarrer), Otto
Große (Vikar), August Henneken (Vikar), Jos. Kannengießer, Joh. Gärtner usw.
Alle je nach Beruf und Talent fassten kräftig an, und praktisch über Nacht stand am 25. Juli 1935 auf dem Osterberg weithin sichtbar ein 10 Meter hohes gewaltiges Holzkreuz, Symbol christlichen Glaubens und Absage an das germanische Neuheidentum.
Gezimmert wurde das Kreuz in Sagels-Scheune unter der Regie von Stellmachermeister Joh. Blome und Bautischler Joh. Gärtner. Unterdessen hatten weitere aus der Gruppe aus dem Steinbruch im Dahlsen die Bruchsteine für ein Sockelfundament von 2m Höhe und 4m Breite bzw. Länge herausgebrochen und bearbeitet.
Die Gruppe arbeitete so verschwiegen, dass es in der Stadt kaum bekannt war. Umso größer war dann das Erstaunen der Bürger, auf dem Osterberg dieses Kreuz zu sehen. Im Fundamentsockel wurde eine Urkunde mit den Unterschriften einiger Initiatoren eingemauert.
Auch die Nazis übersahen dieses Kreuz natürlich nicht. Sie prangerten zwar im Aushangkasten am Rathaus die mutigen Bekenner an, jedoch ohne Erfolg, denn das Kreuz war auf privatem Grundstück errichtet worden und musste daher geduldet werden.
Die kirchliche Weihe wurde am 14.09. 1935 vorgenommen.
Durch den Brief eines übereifrigen Fotografen vom 07. im Lenzing (März) 1936 an den Regierungspräsidenten in Minden, Freiherr von Oeynhausen, wurde die Aktion allerdings auf höhere Ebene bekannt. Als evangelischer Christ war Freiherr von Oeynhausen ,in der Nähe des Klosters Marien- münster aufgewachsen und hatte, wie er an anderer Stelle einmal betonte, stets eine große Achtung vor dem äußeren Zeichen kath. Gottesverehrung gehabt. Vermutlich erhielt der Fotograf einen scharfen Verweis vom Regierungspräsidenten, denn bei der angeordneten polizeil. Vernehmung blieb nichts von seiner Großspurigkeit.
Der für Lügde zuständige Landrat, Dr. Reschke in Höxter, wurde zu einem Bericht aufgefordert. In seinen Schreiben vom 09. Juni 1936 führt er zunächst auf, dass Johannes Blome das Kreuz auf seinem Grundstück mit baupolizeilicher Genehmigung errichtet habe, dass die Errichtung von Kreuzen in dieser Gegend durchaus üblich sei, und dass das Kreuz bei Lügde weder die Landschaft verunstalte noch den Osterräderlauf störe.
Zu bewundern bleibt der Mut dieser Lügder Bürger. Sie hatten alle mit Repressalien zu rechnen, denn niemand konnte ahnen, dass sie der Verwaltungsspitze in Minden und Höxter Männer auf ihrer Seite haben würden.
Sie hatten auf Familie und Beruf Rücksicht zu nehmen, aber unbeeindruckt vom braunen Terror im Land setzten sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für ihren Glauben, ihre Heimat und ihr überliefertes Brauchtum ein. Sie setzten ein Zeichen, nicht nur aus Holz, auch in den Herzen vieler Mitmenschen.
Obwohl auf Befehl Himmlers die SS 1938 den Osterräderlauf übernahm, überstand das Kreuz auf dem Osterberg das tausendjährige Reich, überstand übertriebenen Germanenkult und auch die schwere Nachkriegszeit. 1958 erwarb der Dechenverein das Kreuzgrundstück und nahm somit auch das Kreuz in seine Obhut und Pflege. 1970 und 1998 wurde das Kreuz durch den Dechenverein erneuert.
Jedes Jahr zur Osterzeit leuchtet nun das Kreuz in der Dunkelheit des erwachenden Frühlings, ankündend die Osterzeit, aber auch zugleich erinnernd an mutige Lügder Bürger.

Lügde, 2010 Dieter Stumpe
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